Es gibt Dinge im Leben, die sind gar nicht so alltäglich. Manche finden in regelmäßigem Tonus statt, wie Weihnachten und der eigene Geburtstag. Doch es gibt auch Ereignisse dessen Teilnahme man sich erst verdienen muss. So ist zum Beispiel das jährlich stattfindende DSAM-Finale keine Selbstverständlichkeit für jene Schachamateure, die an den jeweiligen Qualifikationsrunden teilnehmen. Von den etlichen Teilnehmern, die es jedes Jahr versuchen, können sich nur ca. 50 Spieler pro Gruppe (insgesamt 7 Gruppen) qualifizieren.
Umso schöner war es für die Mitglieder des SC Oranienburg, dass sich insgesamt fünf Spieler des Vereins für das diesjährige Finale in Dresden qualifizieren konnten. Unter ihnen waren: Marcel Burkhardt, Ihor Ivashchenko, Aurismas Milasivicius, Wolfgang Tschirswitz und Stefan Tschirswitz, begleitet durch den Vereinskollegen und Sekundanten Christopher Luthardt. Über ihre Schachabenteuer in der sächsischen Hauptstadt, werde ich nun in dem folgenden Artikel berichten.
Die Reise fand vom 22.7.-26.7. statt und wir reisten einen Tag vor Turnierbeginn mit dem Auto an. Nach einer unterhaltsamen Fahrt und der verzweifelten Suche nach dem richtigen Parkhaus, konnten wir endlich unsere Apartments beziehen und trafen uns anschließend in einem Restaurant, um uns zu stärken und die nächsten Tage zu besprechen. Ein jeder Spieler von uns versprach sich einiges von dem Turnier. Der Abend war recht kurzweilig und so verging die Zeit bis zum nächsten Tag recht schnell. Am nächsten Tag trafen wir ausgeschlafen und hochmotiviert bei der Spielstätte, dem Kongresszentrum Dresden, ein, registrierten uns und absolvierten unsere erste Runde.
Ihor Ivashchenko – Gruppe E
Stefan Tschirswitz – Gruppe F
Aurimas Milasivicius – Gruppe F
Marcel Burkhardt – Gruppe G
Wolfgang Tschirswitz – Gruppe G
Runde 1:
Unser Spitzenmann Ihor begann das Turnier mit den schwarzen Figuren und spielte die Damenindische Verteidigung. Sein Gegner, Thomas Fliegner, versuchte von Beginn an auf Raumgewinn zu spielen und dies erfolgreich. Mehrere Figuren Ihors wurden erfolgreich blockiert. Jedoch rochierte er anschließend in die falsche Richtung und Ihor bekam dadurch Initiative. Thomas wurde immer weiter in die Defensive gedrängt und Ihor gewann nach 31 Zügen seine erste Partie.
Stefan Tschirswitz spielte seine erste Partie mit weiß gegen Martin Braun. Der Spieler vom FC Bayern München bot Stefan lange Paroli, doch unterlief ihm im Mittelspiel ein Fehler, der einen Bauern kosten sollte. Der Münchner suchte im Anschluss sein Heil in der Offensive und versuchte mittels seiner Bauern Raum zu gewinnen. Jedoch destabilisierte er dadurch seine Formation. Stefan erkannte das griff am Damenflügel an, gewann einen zweiten Bauern und konnte danach erfolgreich die Figuren so abtauschen, dass sich sein Vorteil vergrößerte. Nach 43 Zügen setzte er schließlich seinen Gegner matt.
Aurimas Milasevicius spielte in seinem ersten Match gegen Leona Degenhardt. Diese begann mit e4. Die Partie wurde jedoch durch Zugumstellung zu einer Jobava-London-typischen Eröffnung. Aurimas verstand es sich einen Vorteil zu erarbeiten und stand zwischenzeitlich wirklich gut. Seine Gegnerin erkannte das und versuchte durch den Abtausch von Figuren die Dynamik aus Aurimas‘ Spiel zu nehmen. Und das gelang ihr auch. Am Ende einigten sich beide Spieler auf Remis.
Marcel Burkhardt in Gruppe G startete von Beginn an aggressiv und erlangte dadurch Vorteil in der Partie. Jedoch, wie es manchmal so ist, war er nach eigenem Bekunden nicht in der Lage diesen Vorteil zu vergrößern bzw. zu konservieren. Er übersah im Mittelspiel zunächst, ein taktisches Motiv, um die Partie für sich zu entscheiden, eine Situation über die er sich dermaßen ärgerte, dass er im Anschluss völlig den Faden verlor. Das gab seinem Gegner Linus Bruckmeir genügend Gegenspiel, um die Partie für sich zu entscheiden, schade.
Wolfgang Tschirswitz reichte leider keine Spielberichte ein, so dass ich bei ihm lediglich die Ergebnisse mitteilen kann. Er verlor mit weiß gegen Ole Christian Hanssen in Runde 1.
Runde 2:
Fangen wir dieses Mal in Gruppe G an. Nach seiner Auftaktniederlage sinnte Marcel auf Wiedergutmachung. Er spielte dieses Mal kontrollierter und weniger aggressiv und verleitete seine Gegnerin, Katja Schluszas, früh anzugreifen. Dies erwies sich als Fehler für sie. Folglich befand sich sie ausschließlich in der Defensive und Marcel errang seinen ersten Sieg.
Wolfgang gewann sein zweites Spiel gegen Lukas Riera Galmés.
In Gruppe F begegnete Aurimas mit weiß Erich Schäfer. Er spielte das Belgrader Gambit und gewann früh strategischen Vorteil. Schließlich gewann er im Mittelspiel einen Bauern und trotz arger Zeitnot auch die Partie. Erster Sieg für Aurimas
Stefan absolvierte gegen den jungen Gabriel Gakhov seine erste Partie mit schwarz. Sein junger Kontrahent griff früh an, doch Stefan fand immer wieder die richtigen Züge, um die Stellung ausgeglichen zu halten. Dadurch, dass beide Seiten keinen Fehler machten, endete die Partie nach 60 Zügen konsequenterweise mit einem Remis. Eine starke Leistung von beiden Seiten.
Ihor in Gruppe E konnte seine Leistung aus Runde 1 leider nicht abrufen. Er büßte in der Eröffnung eine Qualität ein und verlor mit dem Fortlaufen der Partie mehr und mehr an Initiative. Am Ende verlor er gegen seinen jungen Gegner Lukas Gottschling verdientermaßen.
Tag 1 war damit vorbei und wir schlurften mehr oder weniger zufrieden in Richtung unserer Unterkünfte.
Am zweiten Turniertag konnten wir etwas länger vor uns hinschlummern, da sich kein Spieler mehr anmelden musste. Dementsprechend waren alles frohen Mutes und ausgeruht.
Runde 3:
Für Wolfgang begann der Tag in Gruppe G leider mit einer Niederlage gegen den starken Felix Haberling.
Marcel lieferte sich dagegen in einer komplexen Stellung erfolgreich einen Kampf mit David Burger. Marcels früher Vorstoß verunsicherte seinen Gegner, der durch seine Gegenoffensive zwar zunächst das Gleichgewicht halten konnte im weiteren Verlauf aber das Nachsehen hatte. Wieder ein Sieg für Marcel.
In Gruppe F kam es überraschenderweise zum Vereinsinternen Duell zwischen Stefan und Aurimas. Stefan mit weiß eröffnete mit dem königsindischen Angriff. Die Partie dauerte nicht länger als 30 Minuten, denn nach 8 Zügen bot Aurimas seinem Vereinskollegen und Rivalen Remis an. Da die Stellung selbst aus Schachcomputersicht vollkommen ausgeglichen war und Aurimas der nominell klare Favorit dieser Partie, nahm Stefan das Remis nach kurzer Bedenkzeit an.
Ihor spielte in seiner dritten Partie gegen einen vorrangig defensiv eigestellten Gegner. Ihor suchte folglich seinen Vorteil im offensiven Spiel. Jedoch fand sein Kontrahent immer wieder die passende Antwort. So einigte er sich mit Georg Derr nach 55 Zügen auf Remis.
Runde 4:
In Runde 4 entwickelte sich für Ihor eine spannende Partie mit Angriffsmöglichkeiten für beide Parteien. Nach Materialabtausch im Mittelspiel geriet Ihor im Endspiel in Nachteil. Dieser war so deutlich, dass sein Gegner, Jens Werther einige taktische Motive gehabt hätte, um die Partie zu gewinnen. Diese sah er jedoch nicht und so endete die Partie im Dauerschach bzw. durch Zugwiederholung.
Stefan hatte es in der vierten Runde mit Felix Ryu Reimer zu tun. Dieser war aufgrund seiner Wertzahl der klare Favorit. Doch an Stelle einer defensiv-positionellen Spielweise stellte Stefan seinen Gegner taktisch auf die Probe. Eine Prüfung, die dieser überraschenderweise nicht bestand. Bereits nach 13 Zügen gab Stefans Gegner völlig berechtigt auf.
Aurimas konnte seine vierte Partie ebenfalls schnell gewinnen. Mit dem Belgrader Gambit gelang ihm gegen Eliah Heinold eine elegante taktische Kombination und er siegte nach 23 Zügen.
Marcel war in seiner Partie ebenfalls frohen Mutes, wählte jedoch bereits in der Eröffnung die falschen Züge. Sein Gegner, Felix Haberling, der bereits Wolfgang besiegte, überspielte ihn daraufhin und ließ ihm auch im weiteren Spielverlauf keine Chance mehr. Mit 2 aus 4 Punkten hatte Marcel damit keine Chance mehr auf die vorderen Plätze.
Für Wolfgang war es einfach nicht sein Tag und er verlor auch seine zweite Partie an diesem Tag gegen Fabian Fendt.
Nach dem zweiten Turniertag war zumindest in Gruppe F für Stefan und Aurimas noch alles möglich. Beide Spieler waren ungeschlagen mit 3 aus 4 Punkten und erhofften sich für das Turnierende ein Platz auf dem Treppchen. Da Stefan an diesem Tag zu allem Überfluss noch Geburtstag hatte, speisten wir im Anschluss an Runde 4 im benachbarten Hotel-Restaurant und schlossen den Tag würdig ab.
Runde 5:
Am letzten Turniertag ging es für einige Spieler um alles. Dementsprechend war Spannung vorprogrammiert. Richten wir unseren Blick zuerst auf Gruppe G
Wolfgang schloss sein Turnier mit einem Erfolg gegen David Burger ab. 2 aus 5 Punkte für Wolfgang am Ende.
Marcel wollte sich trotz fehlendem Treppchenplatz versöhnlich aus dem Turnier verabschieden. Eine Idee, die Nico Taubert nicht gefiel. Dieser spielte voll auf Angriff gegen Marcel, übersah dabei jedoch seine eigenen defensiven Schwächen und rochierte genau in Marcels Angriff rein. Eine Chance, die sich Marcel nicht entgehen ließ und die Partie dadurch gewann. Am Ende errang Marcel 3 von 5 Punkten und war mit sich und seiner Gesamtleistung im Turnier zufrieden.
In Gruppe E wollte Ihor sich ebenfalls mit einem Erfolg aus dem Turnier verabschieden. Jedoch geriet er bereits in der Eröffnung taktisch unter Druck. Dies hinterließ bei Ihor dermaßen Wirkung, dass er die Möglichkeit einen Turm zu gewinnen übersah. Im weiteren Verlauf der Partie häuften sich bei ihm die Fehler, so dass Torben Schröder erst eine Qualität gewann und dann auch noch erfolgreich einen Turm gegen zwei Läufer Ihors tauschen konnte. Nach 43 Zügen sah Ihor keine Chance mehr etwas in dieser Partie ausrichten zu können und gab auf. 2 aus 5 Punkte für Ihor waren es also am Turnierende.
Zu allerletzt die Partien aus der Gruppe F. Aurimas spielte seine 5. Partie gegen Christian Raimann. Beide Seiten kamen gut aus der Eröffnung und die Partie war ausgeglichen. Im Mittelspiel tauschte Aurimas jedoch zwei Lichtfiguren gegen einen gegnerischen Turm, der Theorie nach nicht unbedingt ein schlechter Tausch, doch in Anbetracht der Stellung entglitt ihm bis zum Endspiel die Partie. Er fand sich mit klarem Nachteil im Endspiel wieder und sein Gegner konnte die Partie erfolgreich abwickeln. 3 aus 5 Punkte waren es also für Aurimas am Ende.
Stefan rangierte nach 4 Spielen auf Platz 5 und hätte sich unter normalen Umständen auch noch Hoffnungen auf’s Treppchen gemacht, aber er begann die Partie mit schmerzhaftem Husten, Fieber und einer Schlafzeit in der Nacht von maximal 1 Stunde. Immerhin trat er zur Partie an, denn die Chance auf einen Erfolg bei der DSAM im Finale, wer weiß wann man die nochmal erhält. Die Partie gegen Marius König begann ausgeglichen doch bereits im Mittelspiel gewann Stefans Kontrahent die Initiative. Dann übersah der Oranienburger entscheidend eine Springergabel. Das kostete nicht nur eine Qualität, sondern auch schlussendlich auch die Partie. Marius spielte das Ganze technisch absolut sauber runter und gewann verdientermaßen.
Somit kein Treppchen für Stefan, aber immerhin 3 aus 5 Punkte in einem sehr starken Teilnehmerfeld.
Nach einem ausgedehnten Büffet und einer würdigen Siegerehrung am Abend verabschiedeten wir uns alle am nächsten Tag aus der sächsischen Landeshauptstadt und fuhren wieder ins heimische Brandenburg zurück. Unser spezieller Dank gilt allen Organisatoren der DSAM, die es schafften eine würdig-seriöse und auch herzliche Spielatmosphäre zu schaffen. Es war ein sehr schönes Turnier, bei dem alle Spieler des Vereins etwas mitnehmen konnten. Was auch an dem Engagement unseres Sekundanten, Christopher Luthardt, lag, der sich für uns alle kräftig ins Zeug legte.
Weitere Berichte über unsere Schachabenteuer in und um Brandenburg könnt ihr auf www.schachclub-oranienburg.de lesen oder auf unserer Facebook-Präsenz.
Eure Schachfreunde vom SC Oranienburg
